Dr. Heinz Wings

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Bankenwelt und netbank


„Mein Streben geht immerzu dahin, die technologischen Sprünge für neue Geschäftsmodelle im Banking zu nutzen!“

Herr Dr. Wings, eine Bank gründet man ja nicht alle Tage. Was hat Sie auf die Idee gebracht?

Dr. Heinz Wings: Wir sind 1996 mit der Sparda-Bank Hamburg als erste deutsche Bank mit sicheren Transaktionen im Zahlungsverkehr gestartet, Überweisungen standen ganz oben auf unserer Realisierungs-Liste. Darüber wurde ja schon viel geschrieben. Dies war zu einer Zeit, als sich die Großen unserer Branche noch über das Thema „Sicherheit in offenen Netzen“ – wie dem Internet – Haare-raufend unterhielten. Wir hatten mit dem MeChip die Hardware-bezogene Hoch-Sicherheitslösung gefunden. Zudem hatte Prof. Dr. Dieter Bartmann – mein späterer Doktorvater - vom „ibi Institut für Bankinformatik“ an der Universität Regensburg einen Artikel veröffentlicht, der mich in den Bann nahm: „Die elektronische Billigbank – bald Realität?“. Durch die Nutzung und den besseren Einsatz von Technik würden die Markteintritts-Barrieren für das Banking sich auf ein Minimum reduzieren. Eine Bank „neuen Typs“ zu gründen, koste nur bei genauem Hin rechnen so viel wie die Einrichtung einer klassischen Filiale. Die neue Technik mache es möglich. Dies stimmte genau mit meiner Gedankenrichtung überein. Mein Streben ging und geht nämlich auch heute noch immerzu dahin, die technologischen Sprünge für neue Geschäftsmodelle im Banking zu nutzen.

Wie ging es denn weiter?

HW: Ich habe mir zu Hause ein großes Plakat an die Wand gehängt. Überschrift: „Die elektronische Billigbank“, in Analogie zum Artikel von Professor Bartmann. Darauf musste ich immer schauen, wenn ich an meinem Arbeitsplatz saß – und habe dann sinniert, wie die „Billigbank“ denn aussehen müsste und realisiert werden könnte.

Das Sinnieren trug Früchte; denn bekanntlich ging’s dann ja wirklich los. Nach dem Me-Chip bzw. dem Internet-Banking der Sparda-Bank Hamburg war die Taufe der netbank Ihre zweite Pioniertat...

HW: Man kann es so sagen: Wir haben alle gemeinsam vorgelegt. Mitarbeiter und vor allem die Kunden wollten erst einmal sehen, ob es funktioniert. Tatsächlich hat die Bankenwelt sei-nerzeit auf die Sparda-Banken geblickt – auch die Großen übrigens. Ziel war es, eine Internet-Bank für alle Sparda-Banken auf die Beine zu stellen. Uns war bewusst, dass man im Vertriebskanal „Internet“ das klassische Regionalprinzip dauerhaft nicht einhalten kann. Damit die bewährte Regionalität aber im klassischen Banking über Filialen einfordert werden konnte, musste in diesem offenen Netz, dem Internet also, eine Bank für alle Sparda-Banken her: die netbank eben.

Hatten Sie Zweifel an dieser Entwicklung?

HW: Es war ein Prozess mit vielen Wegen und Abzweigungen. Am Anfang kannten wir nur das Ziel und die Richtung, aber den Weg noch nicht. Die nötigen Verbündeten im Verband und bei weiteren Sparda-Banken gaben gute Unterstützung. Ernsthafte Zweifel an dem Fortschritt hatte ich daher nie, sonst wäre es auch nichts geworden. Rückblickend darf ich dankend sagen, hat mir meine Dissertation bei den Bemühungen um die Bankerlaubnis sehr geholfen, in der ich mich intensiv mit dem Thema beschäftigt habe: Wie kann man die Technik als Erfolgsquell für neue Geschäftsmodelle im Banking nutzen? So waren also für mich mein Doktorvater, Prof. Dieter Bartmann, und sein damaliger Mitarbeiter, Dr. Erhard Petzel, meine besten Sparrings-Partner für die Visionen in der neuen Bankenwelt. Bei aller Freude bei der Umsetzung von Innovationen, habe ich aber stets mit Netz und doppeltem Boden gearbeitet.

Das klingt alles recht einfach und bescheiden. Tatsächlich war die Gründung der netbank Neuland von historischer Dimension. Hand aufs Herz: War die Entstehungsgeschichte nicht doch viel problematischer?

HW: Keine Frage, es lagen 1000 Steine auf der Wegstrecke. Das ist doch bei jedem bahnbrechenden Fortschritt so: Mancher begreift die Neuerung wie ein Teufelswerk, praktisch wie eine Natter an der eigenen Brust, die man nicht nähren sollte. Aber bei Dingen, die man nicht aufhalten kann, deren Zeit gekommen ist, sollte man sich zur Speerspitze machen. Das war und ist noch immer meine Devise.

Was waren die größten Hürden?

HW: Zunächst, die Bankerlaubnis zu erhalten. Damit war das Sicherheits-problem verbunden. Wie konnten wir das „BSI Bundesamt für die Sicherheit in der Informationstechnik“ davon überzeugen, dass wir maximale Sicherheit im offenen Netz bieten. Und dann das Sicherheitsbedürfnis der Kunden. Wie konnten wir ihnen vermitteln, dass sie absolut auf der sicheren Seite sind? Alle haben nach Webfehlern im System gesucht, ganz klar. Den Durchbruch brachte schließlich unsere No-Risk-Garantie. Diese Gewährleistung haben wir aber nicht ohne Rückversicherung ausgesprochen. Auf gut Deutsch: Wir brauchten nur die IT-Experten der Versicherungsgesellschaft von der Sicherheit zu überzeugen, nicht unsere gesamte potentielle Kundenschar. Diese Rückversicherung ist nur ein Beispiel für das angesprochene Netz und den dop-pelten Boden.

Wann war Ihnen definitiv klar, dass die Sache läuft?

HW: Als die Teilnahme an der „Erweiterten Einlagensicherung“ des Bundesverbandes deutscher Banken abgesichert war. Ohne diesen Sicherungs-Fonds hätte das Vertrauen in die neue Bank nur schwer und langsamer aufgebaut werden können. Ohne „Erweiterte Einlagensicherung“ hätten wir die kritische Masse an Kunden nicht in dem notwendigen Zeitabschnitt bekommen. Wollte ich doch zu diesem Zeitpunkt noch eine Bank schaffen, die in 5 Jahren so groß werden würde, wie die Sparda-Bank Hamburg. Dem Erreichen dieses Ziels ist leider das Platzen der Blase am Neuen Markt in die Quere gekommen. Die New Economy erlitt Anfang dieses Jahrhunderts einen herben Rückschlag. Unsere netbank gehörte aber zu den „Überlebenden“.

Hatten Sie damals selbst ein Online-Konto bei Ihrer Bank?

HW: Selbstverständlich! Ich habe jede Innovation immer persönlich ausprobiert und genutzt. Das Prinzip: Wenn ich so etwas selber intuitiv beherrsche, kann es auch der Kunde. Die Dinge müssen eben ganz einfach sein. Wenn Sie morgens aufstehen, wollen Sie auch nur einen Kaffee und nicht zu diesem Zweck eine multifunktionale Küchenmaschine bedienen müssen.

Apropos „einfach“: Wie sehen Sie die Zukunft des Internet-Bankings? Ist das Limit erreicht?

HW: Wir erblicken nur die Spitze des Eisbergs. Heutzutage hat doch fast jeder ein Handy oder Smartphone. 80 Prozent der Menschen verlassen ihre Wohnung nicht ohne ein mobiles Gerät. Das sind unsere Kunden von morgen. Das Internet wird immer mobiler – ganz einfach zum Mitnehmen in der Tasche. Dieser Trend betrifft auch das mobile Banking. Bald gehört elektronisches Bezahlen zum Alltag: Unsere Kinder wachsen damit auf. Derzeit nutzen 45 Prozent der Deutschen schon das Internet-Banking; von den Sparda-Bank Hamburg-Kunden sind es sogar gut zwei Drittel. In zehn Jahren rechne ich hierzulande mit mindestens 80 Prozent Online-Kunden, Tendenz weiter aufwärts. Der Vertriebswege-Mix in der Banking Industrie wird sich total zulasten der klassischen Filialen, die jedoch zunächst noch mit abnehmender Tendenz neben den Online-Vertriebswegen genutzt werden, verändern. Gewinner werden die mobilen Vertriebskanäle, wie Smartphones, sein. Banken, die sich dem neuen Umfeld nicht durch entsprechende Maßnahmen stellen, werden vom Markt ver-schwinden. Dabei wird der Anteil der vom Markt ausscheidenden Banken wahrlich nicht vernachlässigbar sein.

In Anbetracht extrem niedriger Zinsen fragt man sich, wie Internet-Banken überhaupt Geld verdienen?

HW: Ihre Struktur ist schlanker als bei konventionellen Banken. Die netbank hat alle Prozesse, bei denen es erlaubt ist, outgesourct. Bei ihr verbleibt nur das übergeordnete Steuern von Service-Level-Agreements mit den Outsoucing-Partnern. Daher kommt sie mit derzeit maximal 35 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus. Dabei bearbeitet sie das Kreditgeschäft sogar im eigenen Haus. Im Vergleich zu den klassischen Banken brauchen keine Filialen unterhalten zu werden. Das ist kostengünstig, und ersparte Kosten werden über günstige Konditionen an die Kunden weitergegeben. Das Geschäft soll sich ja für beide Seiten rechnen. Allerdings ticken in der aktuellen Niedrigzinsphase die Uhren fraglos anders. Folglich muss über neue Geschäftsmodelle nachgedacht werden. Wir stehen heute wiederum wie Mitte der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts vor einem Innovations-Sprung im Banking. Die Markteintritts-Barrieren sind im Banking stetig gefallen seit einem viertel Jahrhundert. Viele Unternehmen wollen in der Niedrigzins-Phase nicht nur an günstigen Kreditzinsen bei klassischen Kreditinstituten partizipieren, nein sie wollen gar selbst eine Bank gründen oder kaufen, um sich über noch niedrigere Einlagenzinsen der Kunden zu refinanzieren und z.B. hiermit die Absatz-Finanzierung zu betreiben. Die Überschuss-Liquidität, das ist die positive Differenz zwischen den (kostengünstigen)Kundeneinlagen und den herausgereichten Krediten, wird also insbesondere dazu genutzt,(teurere) Bankkredite abzulösen. Das bringt Profitabilität und Unabhängigkeit von klassischen Banken. Eine Gefahr, die nicht zu vernachlässigen ist. Zudem müssen heutige Banken digitaler, mobiler und Soziale Netzwerke - wie facebook - einbeziehend werden. Diese Features sind bei der netbank im Vergleich zu den Klassikern der Finacial Industry heute schon wesentlich stärker ausgeprägt.

Was heißt das?

HW: Die netbank hat – was die Zukunft im Banking angeht – Sieben-Meilen Stiefel an. Sie ist wendiger und besitzt die notwendigen Fähigkeiten, das Banking der Zukunft zu beherrschen. Ich wollte mit der netbank damals die „Bank neuen Typs“ gründen. Das hat im Zeitablauf dazu geführt, das wir den Klassikern immer Nasenlängen voraus waren.

Wie könnte die netbank denn in Zukunft aussehen, was könnte man machen?

HW: Kooperationen mit Branchenfremden werden m.E. ganz vorne auf der Tagesordnung stehen. Wohnungsbau-Genossenschaften sind hier nur bei-spielhaft genannt. Sie könnten – wenn ihnen die Bank gehörte - mit der Überschuss-Liquidität der netbank Banken-Kredite tilgen, wären unabhängiger und hätten zudem eine rentable, sachwertorientierte Geldanlage, anstatt der niedrig verzinsten Assets im Depot-A der Bank. Auch Kooperationen mit dem Handel oder mit Telekommunikations-Unternehmen sind sinnvoll. Beide Branchen arbeiten im selben Kundensegment wie die netbank, nämlich im Privatkunden-Bereich. Warum sollte man den Telekommunikations-Kunden nicht „veredeln“? Insbesondere aber bei den Kooperationen mit dem Handels-Bereich könnten die digitalen Prozess-Ketten im e-payment-Bereich sich vom point of sale bis zur Bank-IT erstrecken. D.h. der Zahlvorgang ist schon beim Kauf der Ware abgeschlossen. Die Ware kann gleich versandt werden. Es erfolgt keine Rechnungstellung. Der Handel wird ganz losgelöst davon mit eigenen Zahlungsverkehrs-Systemen arbeiten, durch die der klassische Zahlungsverkehr der Banken auf längere Sicht sogar substituiert werden könnte. Große, derzeit noch vorhandene Ertragsquellen im Zahlungsverkehr, werden klassischen Banken unwiederbringlich verloren gehen. Oder die netbank könnte kooperieren mit multibankfähigen App-Anbietern. Sie werden sich als „virtuelle“ Banken positionieren, die als Intermediäre die Kundenschnittstelle besetzen. Sie werden beispielsweise über die Apps sehen, dass der Kunde eine vom Preis-Leistungsverhältnis her zu teure Versicherung hat und eine alternative anbieten. Das gleiche gilt natürlich in besonderem Maße für Bankdienstleistungen. Banken werden auf den Status des spezialisierten, kostengünstigen und mit hoher Service-Qualität arbeitenden „Produkt-Anbieters“ zurückgestuft. Übrigens eine Entwicklung, die ich in meiner Dissertation Ende des vorigen Jahrhunderts prognostiziert habe. Ja, das ist mein Problem: Viele Dinge sind eingetroffen von dem, was ich gesagt habe. Jedoch habe ich mich im Zeithorizont oft vergriffen. Lange Rede, kurzer Sinn: Es gilt also mithin, wieder etwas Neues draufzusetzen. Die netbank wird – weil es schon immer ihr Anspruch war, die „Bank der Zukunft“ zu werden - komparative Vorteile gegenüber der heutigen Konkurrenz haben. Das bedeutet auch: Sie wird sehr gute Chancen haben, bei der Umstrukturierung des Bankensektors federführend mitzuwirken. Davon bin ich zutiefst überzeugt.

Schlussfrage: Vor 25 Jahren wäre Internet-Banking unvorstellbar gewesen. Welche Visionen haben Sie als erfahrener Finanzprofi?

HW: Am Grundsatz hat sich nichts geändert: Der Mensch muss sich die Technik untertan machen und ihre Möglichkeiten zu seinem Vorteil nutzen. IT wird daher noch mehr als heute zum Enabler für neue Geschäftsmodelle werden. Ich bin sicher, in weiter Zukunft wird es keine Banken in der heutigen Form mehr geben, sondern nur noch „Banking“. Schlange stehen gehört der Vergangenheit an. Per Videokonferenz holt man sich den Berater ins Wohnzimmer, einfache und auch komplexere Geschäfte erledigt der Privatkunde zunehmend mobil oder per Video, zu Hause oder unterwegs. In Kürze auf den Punkt gebracht: Der Ort des Bankings wird virtueller und mobiler, der Service bleibt. Banking: wird „anytime, anywhere and anyway“ verfügbar werden.